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Kommentar:
In der Kinderseele wird ganz tief etwas zerstört"

Der Psychologe Wunibald Müller' über die Folgen für die Opfer
Was wissen Sie über die Opfer von Priestern?
Es sind sehr viel mehr jungen als Mädchen. Über 80 Prozent sind Jungen.

Welche Folgen hat sexueller Missbrauch für ein Kind?

Das Vertrauen des Kindes wird missbraucht. Es vertraut sich einem Menschen an und ist noch nicht in der Lage, selbst Grenzen zu setzen. In der Seele dieses Kindes wird ganz tief etwas zerstöa. Missbrauchserfahrungen zeigen sich oKerst im späteren Leben, wenn seelische Probleme auftreten.

Was bedeutet es für ein Kind, wenn der Täter Priester ist?

Ein Priester ist eine Art Vaterfigur. Und er ist, jemand, den das Kind quasi gleichstellt ' mit Gott. Darum hat ein solcher Missbrauch noch weitere Folgen. Der betroffene Mensch wird zusätzlich in seiner Fähigkeit~ eine gesunde Spiritualität und ein positives Gottesbild zu entwickeln, erheblich beeinträchtigt

Was sollen Eltern tun, die Verdacht schöpfen?

Sie sollten hellhörig sein. Wenn sie das Gefühl haben, dass mit der Person des Priesters etwas nicht stimmt, sollten sie ihrem Gefühl trauen. Wenn ein Priester keine erwachsenen Freunde hat sowie seine gesamte Freizeit und den Urlaub mit jugendlichen verbring dann sollten Alarmglocken läuten.

Wie hoch ist die Zahl der Priester, die Kinder missbrauchen?
WUNIBALD MÜLLER (51)

ist Psychotherapeut
und Theologe . . .

Er leitet ein Haus, in dem Priester in Lebenskrisen beraten werden.
Amerikanische Schätzungen gehen davon aus, dass etwa zwei Prozent der Priester so veranlagt sind. Das wären auf Deutschland übertragen etwa 300 Geistliche. Man muss unterscheiden zwischen Pädophilie und Ephebophilie. Der Pädöphile fühlt sich sexuell angezogen von Kindern vor der Pubertät. Der Ephebophile fühlt sich sexuell angezogen von Jugendlichen. Der Pädophile hat eine schwere psychische sexuelle Störung. Hier ist eine psychiatrische Behandlung notwendig Der Ephebophile bat eine psychosexuelle Störung. Die Betreffenden sind bei der Entwicklung ihrer Sexualität auf der Ebene von Jugendlichen stehen geblieben. Hier, ist eine erfolgreiche Therapie möglich. Schätzungsweise 20 Prozent der Priester, die Minderjährige missbrauchen, sind pädophil, 80 Prozent ephebophil.

Gibt es unter Priestern mehr Pädophile als in der Normalbevölkerung?

Wahrscheinlich nicht. Der meiste sexuelle Missbrauch geschieht im Kontext der Familie, durch den Vater, den Schwiegervater, den Onkel oder den Cousin.

Wie geht die deutsche Kirche mit den Opfern um?

Nach meinem Eindruck ist der Umgang in den letzten Jahren sehr viel sensibler geworden. Ein Vertreter der Kirche geht zu der Familie, entschuldigt sich, bietet seelischen Beistand an und auch finanzielle Hilfen, um eine Therapie für das Kind zu bezahlen.

Was muss an Prävention geschehen?

Die Bischofskonferenz hat erstmals über diese Frage gesprochen. Das ist ein Fortschritt Am Ende sollten gemeinsame Richtlinien stehen. Die müssen für alle Diözesen verbindlich festlegen, wie bei sexuellem Missbrauch durch Kleriker vorgegangen werden sollte - gegenüber den Opfern und gegenüber den Tätern. Und wir müssen uns in der Kirche viel intensiver und offener mit dem Thema Sexualität auseinander setzen.


Das Gespräch führte Martin Gehlen.

Der Tagesspiegel, 24.04.02

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